Trauersymptome

Bronze-Skulptur „Komtur“, auch  „Pieta“ genannt; aus dem Zyklus „Don Giovanni“ der Künstlerin Anna Chromey (1992)

Die sichtbaren und spürbaren Reaktionen auf einen Verlust werden als Symptome benannt. Um eine Einschätzung eines Trauerverlaufs vornehmen zu können, werden die Trauerreaktionen zusammen mit den Risikofaktoren, welche den Trauerverlauf erschweren können, und mit den Ressourcen der trauernden Person betrachtet. In die Betrachtung fließt der Faktor Zeit mit ein, denn alle heftigen Reaktionen sind unmittelbar nach dem Todeszeitpunkt als natürliche Trauerreaktionen anzusehen (*1).

Der Tod eines nahestehenden Menschen ist ein stressauslösendes Ereignis. Die Belastungen wirken sich ganzheitlich auf die biopsychosoziale Lebensrealität der Hinterbliebenen aus. Stress und Trauer liegen sehr nah beieinander, d.h. dass die hinterbliebene Person sowohl psychisch als auch körperlich trauert. Es wurde nachgewiesen, dass das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung wie z.B. Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, erhöht ist, ebenso ist die Immunabwehr geschwächt und der Schlaf gestört (Hagen, Schubert *2).

Sowohl die Bewältigung als auch die Verdrängung des Verlustes brauchen viel Kraft und Energien. Daher besteht für Trauernde generell eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit, welche durch Form und  Ausmaß der Belastung sowie durch das Vorhandensein von Bewältigungsressourcen mit beeinflusst wird (vgl. * 3).                                                                                         

Trauersymptome, die häufig erlebt werden:

  • Psychische Verfassung/Gemütszustände:
    z.B. Schmerz, Schock, Betäubung, Verzweiflung, Traurigkeit, Sehnsucht, Mitgefühl, Liebe/Hass gegenüber Verstorbenen, Angst, Wut, Interesselosigkeit, Freudlosigkeit, Einsamkeit, Schuldgefühle, Erleichterung, Befreiung, Hilflosigkeit, Deprimiertheit…
  • Physische Verfassung/körperliche Befindlichkeit:
    z.B. Schlafstörung, Appetitlosigkeit, Magen-Darm-Störungen, Kraftlosigkeit, Nervosität, Lärmempfindlichkeit, Herz-Kreislauf-Störungen…
  • Mentale Verfassung/Denken und Wahrnehmung:
    z.B. Geistesabwesenheit, Gedankenleere, Grübeln, Verleugnung, Halluzinationen, intensive Träume, Zweifel, Vergesslichkeit, Selbstvorwürfe, Hoffnungslosigkeit, …
  • Verhalten/ Handeln:
    z.B. Weinen, Klagen, Schreien, Suchverhalten, Vermeidungsverhalten, sozialer Rückzug, erhöhter Konsum von Alkohol, Nikotin, Medikamenten, Suizidalität, Rastlosigkeit, Verhandeln, Nichtwahrhabenwollen, Träume von der verstorbenen Person, schnelle neue Bindungsversuche…
  • Spirituelles Erleben/ Erschütterung: Fragen nach Lebenssinn, Verlust von Vertrauen und Selbstwert, Suche nach Hoffnung, Geborgenheit und Trost, Glaubenszweifel, Hadern mit Gott…

Smeding (*4) und Kachler (*5) weisen darauf hin, dass stets zu berücksichtigen ist, dass die Lage der Hinterbliebenen eine erzwungene Lebenssituation ist. Die Erfahrung des Verlassen-worden-Seins wirkt oft lähmend, macht handlungsunfähig oder wütend, ängstlich oder depressiv. Sie geht einher mit Ohnmachtsgefühlen und ist schmerzhaft. Häufig erleben Trauernde auch ambivalente Gefühle – weinen und lachen können sich abwechseln, was wiederum zu Verunsicherheit führen kann. Trauernde äußern auch die Angst, „ver-rückt zu werden“.

Trauer ist keine Depression, aber verdrängte Trauer kann die Entwicklung einer Depression oder anderer seelischer Störungen wie z.B. Suchtmissbrauch, Angststörung fördern. Eine ressourcenstärkende Unterstützung durch Trauerbegleitung kann deshalb präventiv wirken.

*1) Paul, C.: „Trauerprozesse benennen.“ In: Paul, C.: „Neue Wege in der Trauer und Sterbebegleitung“ (2011)  Gütersloher Verlagshaus S. 75 –84

*2) Hagen, C. / Schubert, Chr.: „Der Körper trauert mit – Psychoneuroimmunologie der Trauer“ (2017) Leidfaden, Heft 4, S. 10-14

*3) Lammer, K. „Trauer verstehen – Formen, Erklärungen, Hilfen“ (2014) Verlag Springer

*4) Smeding, Rm. / Heitkönig-Wilp, M. “Trauer erschließen“ (2005)
Der Hospiz Verlag, S. 17

*5) Kachler, R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung“ (2012) Verlag Carl Auer