Trauerforschung

Sigmund Freud legte mit seinem Artikel „Trauer und Melancholie“ 1917 eine erste Beschreibung von Trauer und des Trauerprozesses vor (*1). Danach wurden von verschiedensten Autoren Theorien und Modelle zum Verstehen von Trauer und Trauerverlauf entwickelt und beschrieben. In Anlehnung an die Systematik von Lammer (*2) haben Rechenberg-Winter/Fischinger (*3) eine Übersicht zur Theoriebildung dargestellt.

Trauermodelle:

  • Phasenmodelle: Spiegel (1972), Kübler-Ross (1973), Kast (1982), Bowlby (1973, 1980), Smeding (2005)
  • Aufgabenmodelle: Worden (2001) und ergänzt durch Paul (2011), Lammer (2004)
  • Trauerumwandlungsmodell: Canacakis (2002)
  • Evolutionsbezogene Modelle unter Einbezug der Aufrechterhaltung von Bindung: Klass (1996), Neimeyer (2000), Kachler (2010), Bowlby (1980)
  • Duales Prozessmodell (DPM) unter Einbezug der Stresstheorie: Stroebe & Schut (1999)
  • Kognitive Modelle unter Einbezug traumatischer Erfahrung: Znoj (2004), Rosner et al. (2011)

Forschung und Diskussion zu Trauer und Trauerprozess halten bis heute an und erfahren zunehmend Bedeutung in den Feldern von Hospiz- und Palliativversorgung sowie Trauerbegleitung. So wurde 2013 in dem Projekt „TrauErLeben“ in Deutschland erstmals empirisch nachgewiesen, dass eine qualifizierte Trauerbegleitung Trauernden nach dem Tod eines Angehörigen oder Freundes hilft und ihnen den Weg „zurück ins Leben“ ebnen kann (*4, *5).

Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“

Die Schwierigkeit, den Verlauf von Trauer als „normal“ oder als „erschwert“ zu definieren, hat seit den 90er Jahren in der Trauerforschung zu verschiedenen Definitionsversuchen und entsprechend zu verschiedenen Benennungen wie z.B. „komplizierte Trauer“, „traumatische Trauer“, „verlängerte Trauer“ geführt (*6, 7). Gegenwärtig wird in Fachkreisen die Aufnahme einer Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“ in die Neuausgabe des Diagnoseschlüssels der Weltgesundheitsorganisation WHO (ICD-11) als eine Kategorie psychischer Störung angestrebt (*8, *9) und in verschiedenen Stellungnahmen und Publikationen diskutiert (*9, *10, *11, *12, *13).

Diagnosevorschlag für die ICD-11 – Anhaltende Trauerstörung

Etwa fünf Prozent der Trauernden in Deutschland entwickeln dieses Beschwerdebild einer anhaltenden Trauerstörung, für welches die folgenden Kriterien vorgeschlagen wurden (*14):

A. Das Diagnostische Kriterium für die anhaltende Trauerstörung ist dann erfüllt, wenn die Trauersymptomatik sich durch den Tod einer nahestehenden Person entwickelt hat.

B. Eine anhaltende Trauerstörung kann nur dann diagnostiziert werden, wenn die Trauerreaktion außerhalb der normativen Erwartungen des kulturellen Kontextes der Person liegen (mindestens also sechs Monate nach dem Tod).

C. Trennungsschmerz: das Gefühl von starker Sehnsucht und Suchen nach der verstorbenen Person, welches sowohl körperliches als auch emotionales Leiden fast täglich hervorruft.

D. Psychosoziale Schwierigkeiten: Die Belastungen haben klinischen Krankheitswert und behindern die betroffene Person in allen wichtigen Lebensbereichen.

E. Zusätzlich sollten fünf oder mehr der folgenden Symptome täglich oder zu einem beeinträchtigenden Ausmaß auftreten„

  • Unsicherheit bezüglich der eigenen Gefühle oder der Rolle im Leben
  • „Schwierigkeiten, den Verlust zu akzeptieren„
  • Vermeidung von Erinnerungen an den Verlust„
  • Unfähigkeiten, anderen Menschen seit dem Verlust zu vertrauen„
  • Gefühl von Verbitterung und Wut im Bezug auf den Verlust„
  • Schwierigkeit, mit dem Leben voranzugehen„
  • Emotionale Taubheit„
  • Einsamkeitsgefühle und Sinnlosigkeit seit dem Tod
  • „Gefühl von Schock und Erstarrung seit dem Verlust

In Fachkreisen wird dieser Vorschlag weiterhin kritisch gesehen und diskutiert. So hat die FG Trauer des DHPV einen alternativen Diagnosevorschlag erarbeitet und in einer Stellungnahme für eine Kultur der Trauer und für die Anwendung des Begriffes „Belastungsstörung nach Verlust“ in der ICD-11 6B42 zur Abwendung von unerträglichem Leid in Folge eines Verlustes vorgestellt und erörtert (*15). Dem DHPV liegt daran, dass Trauer nicht pathologisiert wird, sondern weiterhin als heilende Kraft verstanden werden kann, die jeweils ihre individuelle Zeitdauer braucht. Mit der Einführung der Begrifflichkeit „Anhaltende Trauerstörung“ bestehe die Gefahr, die Trauer insgesamt wieder als „Störung“ (bei anderen oder bei sich selbst) wahrzunehmen. Der Begriff Trauerstörung“ ist insofern irreführend, als die Störungen nicht durch Trauer entstehen sondern durch den Verlust einer bedeutsamen Person.

Zudem befördere die derzeitige Fassung der ICD-11, dass der Trauerprozess zeitlich normiert wird. Ein weiterer Kritikpunkt an der derzeitigen Fassung der ICD-11 ist, dass hier das, was „prolonged“ („anhaltend“) in der jeweiligen Verlustsituation bedeutet und was demgegenüber „normal“ heißt, ungeklärt bleibt. Es fehlt die Berücksichtigung, dass die Art und Weise des Trauerns stark von kulturellen Gegebheiten beeinflusst wird.

Wagner (*16) weist daraufhin, dass der aktuelle Forschungsstand im Hinblick auf Trauerprozesse und Konzeptualisierung von Trauer Lücken aufzeigt und es weiteren Forschungsbedarf gibt.  „Dies betrifft insbesondere das Zeitkriterium von sechs bis zwölf Monaten nach Verlust und die Normierung normaler Trauer abhängig vom soziokulturellen Hintergrund“.

Auch eine Umfrage im Jahr 2017, an der 2088 Personen aus Tätigkeitsbereichen von Psychotherapie, Psychologie, Begleitung, Medizin und Palliative Care teilnahmen (*17), hat zum Ergebnis, dass die Diskussion um die Neufassung der ICD-11 im Blick auf die vorgeschlagene Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“ dringend einer Weiterführung bedarf, wobei die Ergebnisse dieser Umfrage zu diesem Diagnosevorschlag berücksichtigt werden sollen. In der Umfrage bildeten sich folgende Tendenzen heraus:

  • Der Zeitraum von sechs Monaten seit Verlust zur Diagnose findet mehrheitlich keine Zustimmung (nur 11,3 Prozent für diesen Vorschlag). 49,2 Prozent wollen einen Zeitraum von 12, 14 oder 24 Monaten; 32,3 Prozent wollen keine zeitliche Bestimmung einbeziehen
  • Eine Mehrheit will die Einbeziehung einer Klassifikation in ICD-11, aber nicht in der vorgeschlagenen Weise als separate Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“. Durch Aufnahme einer angemessenen Diagnose kann es ermöglicht werden, dass Menschen nach schwerem Verlust die Unterstützung und gegebenenfalls die Therapie erhalten, die sie in ihrer Situation brauchen
  • Es wird angenommen, dass es durch die vorgeschlagene Diagnose zu einer Zunahme der Pathologisierung normaler Trauer kommt (51,1 Prozent)
  • Die Verschiedenheiten in den Kulturen und in den Subgruppen von Trauernden müssen stärker berücksichtigt werden. Eine Differenzierung der verschiedenen Situationen von Trauernden ist wichtig
  • Es wird empfohlen, bei der Diagnose auf den Verlust oder die erschwerenden Faktoren zu fokussieren, nicht aber auf die Trauer selbst und die zeitlichen Aspekte
  • Ein interdisziplinärer Austausch in Forschung und Praxis sollte weiterentwickelt werden

Projekt PROGRID

PROGRID steht für „Prolonged Grief Disorder“, dem englischen Ausdruck für Anhaltende Trauerstörung. Das Projekt PROGRID ist eine mit rund einer Million Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderte Studie zur Therapie anhaltender Trauer. Ziel des Projektes ist es, für die mittlerweile in Expertenkreisen als psychische Störung anerkannte  „Anhaltende Trauer“ eine eigene Therapie zu entwickeln (*18). Im Rahmen der Studie erhalten Betroffene an fünf deutschen Universitätsstandorten (Frankfurt, Ingolstadt/München, Leipzig und Marburg) zwei verschiedene psychotherapeutische Behandlungen für die anhaltende Trauerstörung (*19). Die erste Therapie begann im November 2017. Die letzten Behandlungen werden voraussichtlich bis 2021 durchgeführt werden.

Vielfalt (Diversität) von Trauerreaktionen

Die Vielfalt (Diversität) von Trauerreaktionen ist nach Lammer (*20) der wichtigste Befund der empirischen Trauerforschung. Denn erstens wird daran die Reichweite der Trauer deutlich: Ihre psychosozialen und psychosomatischen Auswirkungen sind weit größer und tief greifender als bisher angenommen. Damit wird Trauerbegleitung zum gesundheitspolitisch und volkswirtschaftlich relevanten Faktor.

Und zweitens wird dieser Befund dafür sorgen, dass zu stark vereinfachende oder schematische Vorstellungen von Trauerverläufen erweitert werden müssen. Die Erkenntnis, wie vielfältig Trauerreaktionen sind, befreit Menschen von der falschen Annahme, dass Trauernde in ihrem Verhalten einem Erwartungsschema folgen müssten, dass es ein „richtiges“ Trauern gäbe.

*1) Freud, S.: „Trauer und Melancholie“. Erstveröffentlichung: Internationale Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse, Bd. 4 (6), 1917, S. 288-301

*2) Lammer, K.: „Den Tod begreifen“ (2013, 6. Aufl.) Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH

*3) Rechenberg-Winter, P., Fischinger, E.: „Kursbuch systemische Trauerbegleitung“ (2008) Verlag V&R

*4) Wissert, M.: Pressemitteilung: Ergebnisse des Projektes „TrauErLeben“ (2013)

*5) Wissert, M.:  „Wirkungen von Trauerbegleitung im Rahmen der emotionalen und sozialen Bewältigung von tiefgehenden und komplizierten Trauerprozessen“ Projekt „TrauErLeben“ (2013)

*6) Paul, C.: „Trauerprozesse benennen.“ In: Paul, C.: „Neue Wege in der Trauer und Sterbebegleitung“ (2011)  Gütersloher Verlagshaus S. 69 –84

*7) Wagner, B.: „Komplizierte Trauer“ (2014) Springer Verlag

*8) Rosner, R. et al: „Anhaltende Trauerstörung“ (2015) Hogrefe Verlag

*9) Stellungnahme des Bundesverbandes Trauerbegleitung (BVT) zur derzeit vorgeschlagenen Diagnoseziffer(„Anhaltende Trauerstörung“) für den ICD-11 (2017)

*10) DHPV-Stellungnahme gegen die Aufnahme der „anhaltenden Trauerstörung“ (02.06.2016)

*11) Wagner, B.: „Wann ist Trauer eine psychische Erkrankung?“ Psychotherapeutenjournal, Heft 3 (2016), S. 250 – 255

*12) „WHO diskutiert über anhaltende Trauerstörung als Krankheit“ (2018) Ärzteblatt

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/94966  (Zugriff: 15.02.2019)

*13) DGP-Stellungnahme „anhaltende Trauerstörung“ (2017)

*14) Jordan & Litz, 2014; Maercker et al., 2013a; Prigerson et al., 2009 zit. in: Wagner, B.: „Wann ist Trauer eine psychische Erkrankung?“ Psychotherapeutenjournal, Heft 3 (2016) S. 250 – 255

*15) DHPV StellungnahmeTrauerICD-11 für eine Kultur der Trauer (12.12.2018)

https://www.dhpv.de/aktuelles_presse_stellungnahmen.html   (Zugriff: 18.02.2019)

*16) Wagner, B.: „Wann ist Trauer eine psychische Erkrankung?“ Psychotherapeutenjournal, Heft 3 (2016), S. 250 – 255

*17) Leonie Dietl, L.,Wagner, B., Frydrich, Th.: „User acceptability of the diagnosis of prolonged grief disorder: How do professionals think about inclusion in ICD-11?“ Journal of Affective Disorders 229 (2018), S. 306-313; Hinweis und Übersetzung der Publikation: DHPV Neues zur Diskussion um die anhaltende Trauerstörung (16.03.2018)

https://www.dhpv.de/aktuelles_detail/items/neues-zur-diskussion-um-die-anhaltende-trauerstoerung.html  (Zugriff:18.02.2019)

*18) Interview Prof. Rosner zu Anhaltende Trauerstörung Donaukurier (2018)

*19) PROGRID Studie flyer (2017)

http://www.trauer-therapie.de/unser-angebot/  (Zugriff 18.02.2019)

*20) Lammer, K. „Trauer verstehen – Formen, Erklärungen, Hilfen“ (2014) Verlag Springer, S.2