Abschied, Verlust
und Trauer

Abschiede und Verlusterlebnisse sind existenzielle Erfahrungen des Lebens, deshalb kommt Trauer in jedes Leben.

Trauer ist die natürliche Reaktion des Menschen auf einen bedeutsamen Verlust (*1). Sie ist keine Krankheit, keine Störung im psychopathologischen Sinn und auch kein Zeichen von Schwäche, sondern ein normaler, gesunder und psychohygienisch notwendiger Prozess der Bewältigung von gravierenden Verlusten und damit einhergehenden Veränderungen.

Die Psychoneuroimmunologie (PNI) beschreibt Trauer als eine Sonderform von Stress (*2). Auch das Duale Prozessmodell (DPM) sieht den Trauerfall als Stress- und Krisensituation.

Trauer kann als der schmerzhafte Ausdruck von Liebe zu dem verstorbenen geliebten Menschen verstanden werden (*3). Der Tod eines nahestehenden Menschen ist stets ein einschneidender Eingriff in die Lebensgeschichte einer Person und ihr Leben verändert sich erzwungenermaßen grundlegend. Ein tiefgehender Trauerprozess setzt ein, wenn eine sinnerfüllte Bindung mit besonderer Bedeutung zur verstorbenen Person bestand.

Trauer ist eine höchst persönliche Reaktion auf einen Verlust. So wie jeder Mensch einzigartig  in seinem Wesen ist, so erlebt jeder Mensch auch seine Trauer auf seine ganz eigene Weise. Zusätzlich zur Bedeutsamkeit der Beziehung zwischen verstorbener und hinterbliebener Person beeinflussen die Todesumstände, der kulturelle Hintergrund, die soziale Situation, bisherige  Bewältigungsstrategien von Lebensproblemen und das Vorhandensein von Ressourcen eines Menschen sein Trauerverhalten.

Trauer hilft, die Wirklichkeit des Verlustes und seiner Auswirkungen zu akzeptieren. Die Belastungen wirken ganzheitlich auf die biopsychosoziale Lebensrealität der Hinterbliebenen. Die Trauer beeinflusst

  • Physiologische Faktoren ( körperliche Befindlichkeit/ Störungen)
  • Psychologische Faktoren (Gemütszustände/psychische Befindlichkeit)
  • Mentale Faktoren (Denken/ Wahrnehmung)
  • Soziale Faktoren (Verhalten/ Handeln)

Die Anlässe zu Trauerreaktionen sind so vielfältig wie das Leben

Nicht nur der Tod, sondern auch bedeutsame  Verluste  und Abschiede durch Lebensveränderungen können ebenso Trauer auslösen:

  • Verlust von Gesundheit und Vitalität
  • Trennung und Scheidung
  • Verlust von Arbeit und Zukunftsplänen
  • Verlust von Heimat und vertrauter Umgebung
  • Normale Lebensänderungen wie Auszug der Kinder und Rentenbeginn

Trauerzustände, bezogen auf zeitliche und soziale Lebenssituationen

  • Perimortale Trauer wird bei lebensbedrohlicher Krankheit und im Sterben vor Eintritt des Todes erlebt.
  • Als akute Trauer wird die unmittelbar nach dem Verlust bzw. dem Erhalt der Todesnachricht auftretende Trauer benannt.
  • Bei der nachholenden Trauer liegt der Verlust sehr lange zurück – meist in der Kindheit oder Jugendzeit – und wurde nicht betrauert.
  • Entrechtete oder aberkannte Trauer wird definiert als Trauer, die ein Mensch nach einem Verlust empfindet, der nicht offen anerkannt und sozial sanktioniert ist.
  • Der Verlust kann durch zusätzlich belastende Risikofaktoren wie z.B. dramatische  Todesumstände oder eine schwierige aktuelle Lebenssituation als besonders schwer erlebt werden. Derartige Verlustsituationen können sich zu einem komplizierten Trauerverlauf entwickeln (*4).

Gelebte Trauer kann den Menschen befähigen, sich mit geänderten und eingeschränkten Lebensbedingungen zu versöhnen. So kann Trauer als Wandlungskraft den Blick für das Wunder des Lebens öffnen und ein Reifungsprozess sein.

*1) Lammer, K. „Trauer verstehen – Formen, Erklärungen, Hilfen“ (2014)
Verlag Springer, S.2

*2) Hagen, C. / Schubert, Chr.: „Der Körper trauert mit – Psychoneuroimmunologie der Trauer“ (2017) Leidfaden, Heft 4, S. 10-14

*3) vgl. Kachler, R. „In meiner Trauer wohnt die Liebe“ (2010) Kreuz Verlag

 *4) Kachler, R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung – Ein Leitfaden für die Praxis“ (2012) Verlag Carl Auer