Trauer-Erleben

Das Erleben von Trauer (engl. grief = Kummer) ist eine schmerzhafte seelische Erfahrung bis hin zu körperlichem Schmerz, welcher ähnlich erlebt wird wie eine massive Verletzung der körperlichen Integrität, wie eine Amputation eines Körperteils. Und ähnlich dem körperlichen Schmerz ist der Trauerschmerz Außenstehenden nicht vermittelbar (*1). Hinterbliebene sind verzweifelt, seelisch tief erschüttert und starken Gefühlen ausgesetzt. Das Weinen als typische emotionale Reaktion wurde empirisch als häufigste Reaktion gefunden (*2), aber das Weinen ist nicht die einzige Reaktion sondern häufig werden Erfahrungen von Dunkelheit, Leere, Ängsten, Traurigkeit, Orientierungslosigkeit, Wut, Niedergeschlagenheit, Sinn-, Kraft- und Ziellosigkeit erlebt. Oft ist jemand in Trauer gar nicht fähig, sich emotional auszudrücken oder Gefühle zu erleben. Das Trauern verläuft nicht nach vorgegebenen Regeln – schon gar nicht linear in einer Abfolge von Phasen – sondern Menschen erleben das Chaos der Trauer sehr verschieden und in großer Vielfalt.

Trauern ist die Zuwendung zum Verlust und zu sich selbst angesichts der neuen, schweren Lebenssituation. Durch diese Selbstzuwendung öffnet sich die leidende Person, und es wird ein innerer Klärungsprozess angestoßen, in welchem man sich prüft, ob man den Verlust tragen kann, ob man Hoffnung hat und weiterleben will, ob man selbst Lust und Freude hat, sich auf das Leben wieder einzulassen. Aus der Nähe zu sich selbst entsteht tiefes inneres Berührtsein, aus dem die Trauergefühle aufsteigen können (*3).

Trauern erfordert die ganze Persönlichkeit, allen Mut und Kraft zum Aushalten, was oft über die persönlichen Grenzen geht. Und dennoch: Das Zulassen der Trauer ermöglicht die Wahrnehmung der realen Abwesenheit des geliebten Menschen. Gleichzeitig ist die Trauer die Kraft, welche die innere Beziehung zur verstorbenen Person im Trauer-Erleben der Hinterbliebenen aktiviert und intensiviert, denn Trauernde leben in ihrer Trauer zugleich in der Beziehung zum geliebten verstorbenen Menschen. Das Trauern hilft, dass eine bleibende innere freie Beziehung zu der verstorbenen Person seitens der trauernden Person gestaltet werden kann (*4).

Das Durchleben von Trauerschmerz setzt auch Kräfte frei für Hoffnung auf und für eine Neugestaltung des zukünftigen Lebens. Trauernde entwickeln oft stützende Rituale, welche dabei helfen, den Verlust in ihrem eigenen Tempo anzunehmen. Dieser Heilungsprozess braucht Zeit und Raum und kann geschehen, wenn die Trauer nicht verdrängt wird, sondern sich ausdrücken darf.

Weil Trauer den Menschen in seiner Ganzheit erfasst, wirken sich die neuen, integrierten Erfahrungen entsprechend auf alle Lebensbereiche aus. Häufig nehmen Empfindsamkeit und Änderungsbereitschaft zu. Gelingt es Trauernden, die durch den Verlust erzwungenen Veränderungen zu akzeptieren und sich ihnen anzupassen, dann ermöglichen die Trauererfahrungen eine neue Lebendigkeit, verknüpft mit einer veränderten Sicht auf das Leben: das Leben wird tiefer und kostbarer erlebt, und dieses vertiefte Erleben geht oft einher mit Dankbarkeit und Wertschätzung für das Leben.

*1) Znoj, HJ.: „Trauer und Trauerbewältigung – Psychologische Konzepte im Wandel“ (2012) Verlag W. Kohlhammer, S. 15

*2) Scherer, KR. , Tannenbaum, PH.: „Emotional experiences in every day life: A survey approach.“ zit. in: Znoj, HJ.: „Trauer und Trauerbewältigung – Psychologische Konzepte im Wandel“ (2012) Verlag W. Kohlhammer, S. 13

*3) Längle, A. / Bürgi, D. „Wenn das Leben pflügt“ (2016) Verlag V & R, S. 67-69

*4) Kachler, R.: Hypnosystemische Trauerbegleitung“ (2012) Verlag Carl Auer