Natürlicher
Trauerverlauf

Trauer verläuft stets individuell und wird beeinflusst durch

  • die Todesumstände
  • die Beziehung zur verstorbenen Person
  • innerhalb der eigenen Psyche stattfindende Prozesse
  • soziale Faktoren
  • natürliche Widerstandskräfte und Ressourcen.

Während eines natürlichen Trauerverlaufs geschieht allmählich

  • Anpassung an die neue Lebensrealität ohne die verstorbene Person
  • Abnahme der Intensität der gefühlten Trauer
  • Normalisierung des Stresserlebens
  • Akzeptanz des Verlustes und Integration in die eigene Lebensgeschichte.

Die erste Zeit unmittelbar nach dem Verlust wird von vielen Trauernden als Zustand des Schocks erlebt – sogar, wenn der Tod im Verlauf einer lebensbedrohlichen Krankheit erwartet war. Man weiß heute, dass die Eingangs- bzw. Auslösephase der Trauer (perimortale Trauer) besonders bedeutend ist und auch in der Rückschau wesentlich bleibt. Aber ebenso erleben viele Trauernde die heftigsten und schlimmsten Trauerreaktionen kurz vor und nach dem Tod bzw. der Todesmitteilung (*1). Tragende Lebensfertigkeiten verlieren plötzlich ihre selbstverständliche Stützkraft. Und auch Angehörige, vertraute Menschen sind verunsichert, wie sie der trauernden Person und ihrem Schmerz begegnen können.

Die in der akuten Trauer nach dem Verlust einer Bezugsperson auftretende psychische Belastung, kann manchmal sehr hoch sein, dennoch sollte diese Trauerreaktion nicht pathologisiert werden. Die für Trauerprozesse beschriebenen Erlebensweisen

  • Nichtwahrhabenwollen
  • Wut
  • Sehnsucht
  • Verhandeln
  • Depressionen
  • Akzeptanz

verlaufen nicht in einer Abfolge von Phasen, sondern wechseln in der Dynamik des Trauerverlaufs sprunghaft und oft chaotisch.

Die Realisierung, dass der geliebte Mensch nicht mehr körperlich anwesend ist, manifestiert sich erst langsam – oft in alltäglichen Situationen – und wird von unterschiedlichsten aufbrechenden Trauersymptomen begleitet. Die Trauerintensität lässt bei vielen Menschen innerhalb der ersten sechs Monate nach, wobei es gelegentlich auch nach den sechs Monaten zu einem Anstieg der Trauerintensität kommen kann (*2). Auch die mit der psychischen Trauer einhergehenden körperlichen Veränderungen sind im natürlichen Verlauf einer Trauerreaktion nach ca. sechs Monaten rückläuftig (*3); ebenso nimmt der Trauerschmerz allmählich ab und die Trauergefühle verändern sich (*4).

Dennoch: „Der Weg der Trauer ist lang. Die Seele braucht unendlich viel Zeit zu begreifen und den Verlust hinzunehmen“ (*5). Auch wenn die Anpassung an die neue Wirklichkeit ohne die verstorbene Person gelungen ist, kann die Traurigkeit nach vielen Jahren unerwartet durch Erinnerungen angerührt werden. Häufig bleibt sie als eine Art Wehmut (*6).

Natürliche Widerstandskraft (Resilienz) und Ressourcen

Grundsätzlich besitzt der Mensch die Fähigkeit, stressige Situationen durchzustehen, und viele Menschen, die schwere Verluste erlitten haben, weisen eine natürliche Widerstandskraft auf. Es liegt in der Natur des Menschen, dass die meisten Hinterbliebenen nach dem Erleben von schmerzvoller Trauer, Leiden und sogar vorübergehender Orientierungslosigkeit schließlich wieder zurück in in die für sie richtige Lebensspur finden(* 7). Als Resilienzfaktoren (*8, *9) gelten:

  • Fähigkeit, mit unangenehmen Gefühlen und Frustrationen umgehen zu können oder extreme Gefühlszustände tolerieren zu können (Frustrationstoleranz)
  • Optimistische Lebenseinstellung
  • Copingfähigkeiten: das Bemühen und die Bereitschaft der betroffenen Person, mit den Situationsanforderungen umzugehen
  • Das Zulassen von positiven Gefühlen
  • Fähigkeiten zur Selbstberuhigung und Selbstfürsorge
  • Selbstwirksamkeitsüberzeugung und -erfahrungen
  • Spiritualität / Glaube / innerliche Bindung an eine übergeordnete Instanz

In dem hypnosystemischen Trauerbegleitansatz nach Kachler (*6) stellen die Trauer- und Beziehungsgefühle selbst die zentrale Ressource dar. Die Fähigkeiten, diese Gefühle zuzulassen und wieder zu begrenzen, den Schmerz auszuhalten und trotzdem den Alltag zu bewältigen, bahnen den Weg, jetzt den Verlust zu überleben und später mit dem Verlust – integriert –  zu leben.

Zusätzlich zu den Resilienzfaktoren wirken sich weitere Ressourcen (*8, *9) günstig für die Bewältigung eines Verlustes aus:

  • ein tragendes, stützendes soziales Netzwerk
  • vorhandene Partnerschaft, Familie, Freundeskreis
  • Körperliche Gesundheit und positiv besetzte Körperlichkeit
  • finanzielle Sicherheit / gesicherte Existenz
  • eine als sinnvoll empfundene Tätigkeit in Beruf oder anderem Kontext
  • Fähigkeiten / Fertigkeiten, welche Freude bereiten wie. z.B. Handwerk, Sport etc.

Im Gegensatz zu einem komplizierten Trauerverlauf können sich Trauernde nach einiger Zeit wieder ihren sozialen Beziehungen und ihrem (Arbeits)Alltag zuwenden, wenn der Verlust zunehmend integriert ist.

*1) Lammer, K. „Trauer verstehen – Formen, Erklärungen, Hilfen“, 2014, Verlag Springer, S. 22

*2) Rosner, R. et al: „Anhaltende Trauerstörung“ (2015) Hogrefe Verlag

 *3) Hagen, C. / Schubert, Chr.: „Der Körper trauert mit – Psychoneuroimmunologie der Trauer“ (2017) Leidfaden, Heft 4, S. 10-14

*4) Znoj, H.: „Ratgeber Trauer „(2005) Verlag Hogrefe

*5) Böke, H. / Knudsen-Böke, L. / Müller, M.: „Trauer ist ein langer Weg“ (2000) Verlag Patmos

 *6) Kachler, R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung – Ein Leitfaden für die Praxis“ (2012) Verlag Carl Auer

*7) Bonanno, G.A.: „Die andere Seite der Trauer – Verlustschmewrz und Trauma aus eigener Kraft überwinden“ (2012) Aisthesis Verlag, S. 35

*8) Paul, C.: „Trauerprozesse benennen.“ In: Paul, C.: „Neue Wege in der Trauer und Sterbebegleitung“ (2011)  Gütersloher Verlagshaus S. 77

*9) Znoj, HJ.: „Trauer und Trauerbewältigung – Psychologische Konzepte im Wandel“ (2012) Verlag W. Kohlhammer, S. 45 – 50