NAIKAN (Innenschau)

Kalligrafie NAIKAN, erstellt von Ishin Yoshimoto (1916-1988), dem Begünder der Naikan-Methode

NAIKAN ist eine in Japan entwickelte Methode der meditativen Innenschau. Das Wort NAIKAN (NAI – Inneres, KAN – beobachten) bedeutet „sich selbst sehen“ und kann frei als „systematische innere Beobachtung“ übersetzt werden. Mit Hilfe seiner konzentrierten Innenschau kann der/die Naikan-Übende sanft und ohne Zeitdruck in seinen/ihren Geist eindringen und sich selbst kennen lernen.

NAIKAN-Prozess

Die einzige Voraussetzung um den Naikan-Weg zu gehen, ist die Bereitschaft, sich mit sich selbst einzulassen, sich selbst anzusehen und das anzunehmen, was sich während der Innenschau zeigt (*1). NAIKAN wird in Stille in völliger Abgeschiedenheit von Außenreizen praktiziert. Die klassische Naikan-Übung dauert eine Woche (7 Tage). Begleitet wird der Prozess durch die/den  Naikan-LeiterIn. Er/Sie sucht die übende Person in zeitlichen Abständen von ein bis zwei Stunden auf, befragt sie nach den Erinnerungen, beschränkt sich auf gelegentliche methodische Hinweise, gibt Ermutigungen und ist ein Freund auf dem Weg – zuhörend, annehmend, nicht verurteilend. Die Antworten werden weder bewertet noch analysiert oder kommentiert. Inhalt, Tiefe und Erinnerungstempo werden von den Übenden selbst bestimmt.

Drei Fragen leiten den Naikan-Prozess:

  • Was hat ein bestimmter Mensch (z.B. Mutter, Vater, Geschwister, Partner etc.) in einer bestimmten Zeit (z.B. in der Schulzeit) für mich getan?
  • Was habe ich in dieser Zeit für diesen Menschen getan?
  • Welche Schwierigkeiten habe ich diesem Menschen bereitet?

Ursprung von NAIKAN

Die Wurzeln von NAIKAN liegen in der Jodo Shinshu Schule des Japanischen Zen-Buddhismus. Um zur Erleuchtung zu gelangen, suchten die Priester dieser Sekte während langer asketischer Meditationsübungen nach Äußerungen der Liebe Buddhas in ihrem Leben. Aus dieser uralten kontemplativen Praxis entwickelte der 1988 verstorbene Shinshu-Priester und erfolgreiche Geschäftsmann Ishin Yoshimoto die Naikan-Methode. Yoshimoto erkante, dass die streng asketische Lebensweise der Priester mit Fasten und Isolation nicht für jedermann geeignet war. Die Grundidee aber, nach Äußerungen der Liebe im eigenen Leben zu suchen, von wem sie auch immer geschenkt worden war, wollte er beibehalten. Er schaffte die asketischen Elemente ab und entwickelte im Verlauf von ca. 30 Jahren neue Strukturen für den Meditationsprozess. Mit Vollendung der Naikan-Methode ca. 1968 konnte er Erwachsenen einen gangbaren Weg zur Selbsterfahrung anbieten.

Wirkung von NAIKAN

Die Wirksamkeit von NAIKAN beruht auf Selbstdisziplin und einer unmittelbaren, geleiteten Kontaktaufnahme zum Selbst. Im NAIKAN wird intuitives, durch Erfahrungen erlangtes Wissen gefördert. NAIKAN fördert die Aussöhnung mit sich selbst, denn im Verlauf des Prozesses entwickelt sich bedingt durch Annahme des gelebten Lebens und Selbsterkenntnis zunehmend Mitgefühl für andere und sich selbst. Allmählich erfährt der/die Übende tiefe Verbundenheit mit den erinnerten Personen und erlebt Wertschätzung auch der gescheiterten Beziehungen. Die Erkenntnis der erhaltenen Zuwendung und der Liebe in seinem Leben stellt für den Menschen von nun an eine immer zugängliche Quelle der Freude dar (vgl. 2).

Nach NAIKAN sieht das Leben anders aus. Durch NAIKAN wird der Blick frei für das Wesentliche im Leben. Durch die neue Sichtweise bekommt das Wichtige mehr Gewicht, das Unwesentliche verliert an Dynamik und Wert. NAIKAN bietet einen Einstieg oder fördert eine vertiefte geistige Einsicht in das Leben. Die neue Sichtweise kann zu Umstellungen und Neuorientierungen im Leben von Naikan-Erfahrenen führen (*3).

NAIKAN und Trauer

Die Naikan-Praxis in einem strukturierten Setting frei von Außenreizen und Anforderungen ist eine Auszeit vom Alltagsleben und bietet in der entstehenden Raum-Zeit der praktizierenden Person die Gelegenheit, zu reflektieren und aufsteigende Gefühle zuzulassen.

Eine heftige Trauerreaktion, ein andauernder Trauerprozess sorgt ebenfalls für eine Auszeit vom Alltag, allerdings zwingt die Trauer den Hinterbliebenen die Raum-Zeit ab. Es ist für Trauernde eine zusätzliche Erschwernis, dass es für sie unter den alltäglichen Lebensbedingungen keinen Schonraum (mehr) gibt, weil auch frühere tragende Rituale in der westlichen Gesellschaft nicht mehr praktiziert werden. Ebenso wie die Heilung einer körperlichen Wunde Zeit sowie medizinische Pflege und Versorgung braucht, benötigt die Heilung der seelischen Wunde einer trauernden Person Zeit und Zuwendung.

Die im Naikan-Prozess mögliche tiefe Selbstzuwendung und die damit einhergehend erlebte Erfahrung wird auch als Das Erwachen des Herzens“ beschrieben. Das erwachte Herz ist das, was berührbar, verwundbar ist, was sich nicht verteidigt, keine Grenzen zieht. Durch die Naikan-Praxis, die Methode der Erinnerung, zeigt sich im Verlauf des Übens die Ausdehnung, das Gewahrsein des Herzensraumes. Je weiter die Entdeckung des Herzens fortschreitet, desto weniger hat sie zu tun mit Emotionen, mit dem blutenden Herzen, und desto mehr mit Klarheit, Raum und Alltäglichkeit“ (*4).

Diese Beschreibung des erwachten Herzens“ entspricht nach meiner persönlichen Erfahrung dem Wandlungsgeschehen in einem Trauerprozess. Das Trauern bedeutet, sich dem Verlorenen und sich selbst zuzuwenden. Die Empfindsamkeit nimmt bei Trauernden zu, sie ziehen sich aus dem sozialen Umfeld zurück, denn ihr Herz ist nach dem Verlust sehr verwundbar. Erst allmählich kann im Trauerprozess der Verlust bewältigt werden und die geliebte verstorbene Person integriert werden. Die heftigen Emotionen wandeln sich zu einer bleibenden Wehmut, die schmerzliche Liebe wandelt sich zu integrierter klarer Liebe und freier innerer Bindung. Diese Wandlung führt zu einer neuen Sicht auf das Leben und fördert wie beim NAIKAN Neuorientierung und Lebensumstellungen.

Elemente der Naikan-Praxis sind in der Begleitung eines Trauerprozesses hilfreich und unterstützend – sowohl für die Bewusstwerdung über den Umgang mit sich selbst als auch bei der Bewältigung konflikthafter Beziehungsgefühle wie z.B. Schuld. Sie fördern das Annehmen der Realität und verhindern ausweichendes Verhalten, welches möglicherweise eine Abhängigkeitserkrankung zur Folge haben kann.

*1) Steinke, G.: „Naikan – Meditation und Selbsterfahrung (1992) zit. in: Drensler, P. Naikan – Angebot eines Selbstheilungswegs“ (1993)

*2) Dey (vormals Drensler), P.: „Naikan Angebot eines Selbstheilungswegs“(1993)

*3) Ritter, F. Naikan – Innenschau. Der Weg zum ursprünglichen Selbst“ (1993) zit. in: Drensler, P. Naikan – Angebot eines Selbstheilungswegs“ (1993)

*4) Liebhardt, E.: „Das Erwachen des Herzens“ (1992) zit. in: Drensler, P. Naikan – Angebot eines Selbstheilungswegs“ (1993)