Hypnosystemischer Trauer- und
Beziehungsansatz

Das Metamodell des hypnosystemischen Trauer- und Beziehungsansatzes nach R. Kachler: „Metalandkarte des Trauer- und Beziehungsprozesses“ (*4)

R. Kachler hat in  seinem beziehungsorientierten Traueransatz systemische und hypnotherapeutische Ansätze mit Forschungsergebnissen von J. Bowlby (Bindungstheorie,*1), D. Klass et al. (Bleibende Verbindungen,*2) und A. Bednarz (Bewahrung der Toten als bedeutsame Andere durch Erinnerungen,*3) zu einem neuen Verständnis von Verlusterfahrung zusammengeführt, bei dem Trauerarbeit immer eine Trauer- und Beziehungsarbeit darstellt. Dieses hypnosystemische Verständnis von Trauerarbeit steht im Gegensatz zu den klassischen Traueransätzen wie z.B. dem von S. Freud, welche das Abschiednehmen von der verstorbenen Person und das Loslassen betonen (*4).

Beziehungsemotion Trauer

Trauernde leben in ihrer Trauer zugleich in der Beziehung zum verstorbenen geliebten Menschen. Die Trauer wird dementsprechend als Beziehungsemotion verstanden, die das Beziehungssystem mit dem geliebten Menschen nicht einfach beendet, sondern reorganisiert und an die neuen Lebensbedingungen der hinterbliebenen Person nach dem Verlust anpasst. In der Trauer ist der verstorbene Mensch für die Trauernden emotional anwesend, weil sie ihn betrauern und weil die Trauer durch seinen Tod zustande kommt. Die Trauer ist mehr als eine Abschieds- und Loslassemotion, weil sie sich auf den verstorbenen Menschen bezieht und weil für Trauernde ihre Beziehung zum Verstorbenen das wesentliche System darstellt.  Die Trauer erzeugt dieses System in der Verlustsituation als einen  – auch neurobiologisch angelegten – Lösungsversuch angesichts einer unlösbaren Situation. Dabei wissen Trauernde, dass die Beziehung nun eine neue und andere Form finden muss, nämlich eine innerliche und imaginative Beziehung unter den traurigen Bedingungen der Abwesenheit des geliebten Menschen. So wird die Trauer selbst zu einer Beziehungs- und Lösungsressource, da sie – wie alle Gefühle – Ausdruck einer ganz bestimmten Beziehungserfahrung ist; sie ist ein bezogenes Gefühl, ein Gefühl, welches im Bindungssystem der hinterbliebenen Person zum verstorbenen Menschen die Beziehung aktualisiert – nun unter der Bedingung der Abwesenheit des geliebten Menschen.

Trauer aktiviert die Beziehungsgefühle Mitgefühl, Sehnsucht, Liebe

Besondere Beachtung finden in diesem Traueransatz die Beziehungsgefühle Mitgefühl, Sehnsucht und Liebe, welche Kachler die drei Schwestern der Trauer nennt. Sie bewirken Nähe und Bindung zur verstorbenen Person (*5, 6).

  • Im Einfühlen in das Schicksal, das Leiden der gestorbenen Person, regt sich die Liebe zu ihr und das Mitfühlen kann derart weit gehen, dass Angehörige sich in Verschmelzungsfantasien und -gefühle begeben. Das Mitgefühl zeigt sich in der Sorge um das Wohlergehen des verstorbenen Menschen und taucht auch auf als sorgenvolle, suchende Fragen der Hinterbliebenen: Wo ist mein geliebter Mensch? Wie geht es ihr/ihm? Was macht er/sie?
  • In der Sehnsucht wollen Hinterbliebene ihrer geliebten Person nah sein: sie sehnen sich nach ihr, denn sie vermissen sie! Über alle Sinneskanäle erleben Trauernde die Präsenz des/der Verstorbenen häufig intensiver als zu Lebzeiten des geliebten Menschen.
  • Die Liebe zur verstorbenen Person ist bis ins Schmerzhafte gesteigert, die Liebe ist verwundet. Der Schmerz im Verlust ist der tiefste Liebesschmerz, den ein Mensch, der liebt, erleben kann (*5). Der Schmerz  will ausgedrückt werden durch schluchzen, schreien, weinen. Die Heftigkeit des Schmerzes zeigt, wie bedeutsam und wichtig die verstorbene Person ist, und dass es der Wille der Liebe ist, den geliebten Menschen wiederhaben zu wollen und dass sie sich mit dem Tod des geliebten Menschen nicht abfinden will.

Mögliche Zielhorizonte in der Begleitung für Trauernde (nach Kachler):

In seinem Ansatz formuliert Kachler die folgenden Ziele, zu denen Trauernde eingeladen werden – stets in der Würdigung, dass diese Ziele durch den Tod erzwungene Ziele sind!

  • In akuter Verlustsituation: Überleben und Weiterleben
  • Mit der Trauer und dem Verlust leben lernen: die bleibende Abwesenheit der verstorbenen Person realisieren und die Trauer allmählich abfließen lassen
  • Eine gute innere Verbindung mit dem Verstorbenen finden, gestalten und leben
  • Finden und Gestalten einer eigenen, gelingenden Beziehung zum Leben nach dem Verlust

Diese Einladungshorizonte sind als Prozessziele im Verlauf der Trauerbegleitung zu sehen.

Die Trauerbegleitarbeit umfasst:

  • Stabilisierungsarbeit
  • Realisierungsarbeit
  • Beziehungsarbeit
  • Arbeit am weitergehenden Leben

In seiner Metalandkarte des Trauer- und Beziehungsprozesses hat Kachler die verschiedenen Prozessschritte seines Flussmodells des Trauerns und des Liebens dargestellt. Zu Beginn des Prozesses, unmittelbar nach dem Verlust, bei schweren Verlusten bis hin zu einem Jahr nach dem Verlust, steht die Aufgabe des Überlebens. Diese Zeit wird insbesondere durch Stabilisierungsarbeit begleitet.

Der weitere Trauer- und Beziehungsprozess bewegt sich wie zwischen zwei Ufern eines Flusses. Sie symbolisieren die zwei gegensätzlichen Pole der Trauerreaktion. Das eine Ufer stellt stellt die schmerzliche Begrenzung der Realität durch den Tod dar: der geliebte Mensch ist abwesend. Das andere Ufer meint die weitergehende Liebe zur verstorbenen Person: starke Beziehungs- und Nähegefühle im Innern. Der Prozess fließt zwischen diesen Ufern hin zu einem Leben, in dem eines Tages auch wieder glückliche Momente erlebt werden können. In diesem Fließen kann es auch zu Stillständen oder Einseitigkeiten kommen.

Realisierungs- und Beziehungsarbeit sind in dem Prozess immer eng miteinander verschränkt, sie sind miteinander schwingend in dem Fließprozess verbunden. Wenn ein Stillstand im Fließprozess besteht, dann kann sich ein komplizierter Trauer- und Beziehungsverlauf entwickeln, welcher sich z.B. in einem depressiven oder körperlichen Symptom zeigt.

Die Realisierungs- und Beziehungsarbeit stehen zunächst im Vordergrund und öffnen allmählich und zunehmend die Trauernden wieder für das Leben und seine Neuausrichtung. Parallel wird das aktuelle Weiterleben der Trauernden von Beginn an in den Prozess mit einbezogen. Diese Arbeit am weitergehenden Leben unterstützt zunehmend die Alltagsgestaltung, die Klärung der Arbeitssituation und das Leben im sozialen Umfeld; ferner wird die Integration der bleibenden Leerstelle im Leben der Trauernden angeleitet. Darüberhinaus wird zu einem wesentlichen, für Trauernde oft zunächst schwierigen Schritt ermutigt: sich auf Freude und glückliche Momente wieder einzulassen.

Von einem gelungenen Trauer- und Beziehungsprozess kann gesprochen werden, wenn

  • Trauernde den intensiven Verlustschmerz kurz nach dem Verlust und die heftige Anfangstrauer weicher und milder erleben
  • sich die schmerzvolle Trauer in bleibende Wehmut und Dankbarkeit für die verstorbene Person gewandelt hat
  • sich die Beziehung zur verstorbenen Person zu einer freien und gelassenen inneren Verbundenheit transformiert hat
  • Trauernde ihr Leben als ein bleibendes Leben nach dem Verlust annehmen und auch das eigene glückende Leben wieder annehmen, eigenständig gestalten und leben: mit der Lücke, die die verstorbene Person hinterlassen hat, und mit der inneren Beziehung zu ihr.

*1) Bowlby, J.: „Verlust, Trauer und Depression“ (1983)

*2) Klass, D. et al.: „Continuing bonds: New understandings of grief“ (1996)

*3) Bednarz, A.: „Den Tod überleben“ (2003) und „Mit den Toten leben“ (2005)

*1) bis *3) zit. in: Kachler, R.: „Nachholende Trauerarbeit – Hypnosystemische Beratung und Psychotherapie bei frühen Verlusten“ (2018) Verlag Carl Auer

*4) Kachler, R.: „Nachholende Trauerarbeit – Hypnosystemische Beratung und Psychotherapie bei frühen Verlusten“ (2018) Verlag Carl Auer

*5) Kachler, R.: „Damit aus meiner Trauer Liebe wird –  Neue Wege in der Trauerbegleitung“ (2007) Verlag Kreuz

*6) Kachler, R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung – Ein Leitfaden für die Praxis“ (2012) Verlag Carl Auer