Komplizierter Trauerverlauf

Im Gegensatz zu einem natürlichen Trauerverlauf dauert die Trauer bei einem komplizierten Verlauf weitaus länger aufgrund von zusätzlichen Komplikationen, insbesondere dann, wenn Hinterbliebene über sehr wenig Resilienzfaktoren verfügen und auch Ressourcen fehlen, welche für einen natürlichen Trauerverlauf günstig sind.

Anstatt einer graduellen Abnahme der Trauersymptomatik im Verlauf der Zeit wird der Trauerprozess komplizierter“ und langanhaltender von den betroffenen Hinterbliebenen erlebt (*1). Die Trauernden verharren in den intensiven Trauergefühlen und zeigen Schwierigkeiten mit der Akzeptanz des Todes. Es sind keine Zeichen von Veränderung wahrnehmbar; auch dauerhafte körperliche Beschwerden, welche medizinisch abgeklärt werden sollten, können auf einen komplizierten Verlauf hinweisen.

Eine Abgrenzung zwischen den Verlaufsarten (natürlich / kompliziert und andauend) ist in der ersten Zeit nach dem Verlust nicht leicht, da grundsätzlich alle Trauergefühle wie z.B. unkontrolliertes Weinen, das Gefühl, ver-rückt zu sein oder das Gefühl von Präsenz der verstorbenen Person typische Zeichen von Trauer sind. Die Intensität der Gefühle weist auf die Bedeutsamkeit der Beziehung zur verstorbenen Person hin.

Hinweise auf einen komplizierten Trauerverlauf

Folgende Erlebensweisen und Anzeichen weisen auf einen möglicherweise komplizierten Verlauf hin und sind psychotherapeutisch zu behandeln (*2):

  • Suizidale Gedanken und Impulse
  • Massive Schuldgefühle, die in Form von Selbstvorwürfen geäußert werden
  • Extreme Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung
  • Substanzmissbrauch, insbesondere Alkoholmissbrauch
  • Weitgehender und langanhaltender Rückzug aus den bisherigen sozialen Beziehungen
  • Psychosomatische Symptome wie Brust- und Herzschmerzen, Globusgefühle, dauerhafte Gewichtsabnahme sowie Durchschlafstörungen
  • Intensive, zehrende Sehnsucht und Verlangen nach der verstorbenen Person
  • Intensive Beschäftigung und Nachdenken über Umstände oder Folgen des Todes
  • Übermäßige Vermeidung von Erinnerungen an den Verlust
  • Bleibende starke, impulsive emotionale Reaktionen wie Wut, Schuldgefühle und Angst; Verbitterung und Frustration entstehend
  • Vorherrschende Traurigkeit mit der Folge, dass Interesse und Freude am Leben nicht wieder gefunden werden, depressive Verstimmungen zunehmend
  • Die Trauer klingt auch mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Todesereignis nicht ab, eine Anpassung an die neue Wirklichkeit gelingt nicht
  • Erstarrt erscheinende, häufig somatisierte Form von Trauerreaktion
  • Abwehr und Verleugnung der Trauerreaktion, bei der scheinbar nicht oder nur wenig sichtbar getrauert wird
  • Unwillkürliche Erinnerungsblitze an belastende Situationen (Flashbacks) oder Nachhallerinnerungen, die mit starken Körperreaktionen und Gefühlen verbunden sind

Risikofaktoren für einen komplizierten Trauerverlauf

Schwere und schwerste Verluste ausgelöst durch dramatische und/oder traumatisierende Todesumstände lösen mit hoher Wahrscheinlichkeit kompliziert verlaufende Trauer aus (*3):

  • Unnatürliche Tode wie Tod durch Gewalt oder Suizid
  • Verlust eines Kindes
  • Verlust von mehreren Personen in kurzen Zeitabständen
  • Miterleben des Sterbens oder des Todes unter dramatischen Umständen
  • Plötzliche und unerwartete Todesursachen wie Unfall, Herztod, plötzlicher Kindstod
  • Traumatische Umstände bei der Überbringung der Todesnachricht z.B. nachts aus dem Schlaf durch Polizei geweckt
  • Uneindeutige Verluste, bei denen der Leichnam nicht gefunden wurde

Durch verschiedenste Risikofaktoren und ungünstige Lebensumstände kann ein Trauerverlauf ebenfalls erschwert sein und sich zu einem komplizierten, andauernden Verlauf entwickeln:

  • Unverarbeitete Verluste in der Kindheit/Jugend, Verlust eines Elternteils
  • Sozial aberkannte Trauer ( z.B. Abtreibung, verschwiegene Liebesbeziehung)
  • Körperliche oder psychische Vorerkrankung
  • Konflikthafte, hochambivalente oder symbiotische, abhängige Beziehungen
  • Fehlende Ressourcen, fehlende Unterstützung im sozialen Umfeld
  • Unterdrückung, Verzögerung und Vermeidung der Trauer
  • Vernachlässigung der eigenen Person, des Berufs oder der Wohnung
  • Alleinleben nach dem Tod der Partnerin oder des Partners

*1) Wagner, B.: „Wann ist Trauer eine psychische Erkrankung?“ Psychotherapeutenjournal, Heft 3 (2016), S. 250 – 255

*2) vgl. Kachler, R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung“ (2012) Verlag Carl Auer, S. 18

*3) vgl. Kachler, R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung“ (2012) Verlag Carl Auer, S. 27