Duales Prozessmodell

Schema des Dualen Prozessmodells – DPM nach Stroebe und Shut (2001), zit. in: Müller,H. / Willmann, H. (2016) S. 51

Das Duale Prozessmodell (DPM) der Bewältigung von Verlusterfahrungen nach Stroebe und Schut (*1) ist ein Erklärungsmodell, welches hilft, das individuelle Bewältigungsverhalten trauernder Menschen und damit ihren einzigartigen Trauerprozess besser zu verstehen und zu akzeptieren.

Das Modell berücksichtigt Erkenntnisse aus kulturellen Studien, dass in unterschiedlichen Kulturen die Trauerreaktionen sehr verschieden sind (*2), weil sie u.a. davon beeinflusst werden, wie eine Gesellschaft mit Gefühlen umgeht und wie ihre Einstellung zum Tod ist.
Außerdem wird in dem Modell der Trauerfall als Stress- und Krisensituation gesehen und die auslösenden Stressfaktoren werden zwei Kategorien zugeordnet:

  • Die verlustbezogenen Stressoren haben unmittelbar mit dem Verlust und der Bindung an die verstorbene Person zu tun
  • Die problembezogenen Stressoren haben mit den Auswirkungen des Verlustes auf den Lebensalltag und die Lebensumstände zu tun

Das Modell zeigt die Dynamik des Trauerprozesses auf, die als Oszillieren (lat. oscillare = schwingen, wechseln) beschrieben wird. Der Mensch kann sich nur einer Bewältigungskategorie zur Zeit zuwenden und muß in dieser Zeit die andere Kategorie vermeiden. Trauernde wechseln deshalb ständig zwischen den zwei Bewältigungszuständen, d.h. zwischen den Stressoren der Verlustbewältigung und des Neugestaltens (*3):

Bewältigungsstrategien

  • Verlust-orientiert: emotionsfokussiertes Verhalten → Gefühle aushalten, durchleben, dosieren, regulieren; Zeit für Emotionen, Erinnerungen, Gedanken, Sehnsüchte, Schmerz, Schwäche; den unwiederbringlichen Verlust anerkennen …
  • Wiederherstellungs-orientiert: problemorientiertes Handeln → Bewältigung des häuslichen Alltags, Versorgung von Familienmitgliedern, Regelung der finanziellen (Not)lage und rechtlicher Belange, Bewältigung der Auswirkungen auf die Wohnsituation und die berufliche Arbeitsfähigkeit, Annahme von Rollenveränderungen…

Dieser Pendelprozess ist eine sehr anstrengende Anpassungsleistung, die als Trauerarbeit verstanden wird. Sie wird von Trauernden als Auf und Ab empfunden oder mit dem Bild einer Achterbahnfahrt verglichen oder als Wellenbewegung erlebt, bis es ihnen irgendwann gelingt, die Realität des Verlustes zu akzeptieren.

Pausen von der Trauerarbeit

Aufgrund dieser psychisch-physischen Schwerstarbeit ist es wichtig, dass Trauernde sich Erholungspausen gönnen und Selbstfürsorge lernen. Grundsätzlich müssen die sozialen Folgen des Verlustes in der neuen Lebensrealität zwangsläufig auf irgendeine Weise bewältigt werden. Hingegen können die emotionsorientierten Verhaltensweisen zunächst in den Hintergrund (ver)drängt werden, da es sich um ein inneres Erleben handelt. So bekommen auf der Basis dieses Modells Verhaltensweisen wie Verdrängung und Vermeidung eine neue Bedeutung und können als erforderliche Auszeiten oder als Zeiten notwendiger Priorisierungen gedeutet werden (*4,*5).

*1) Stroebe, M. / Schut, H. „The Dual Process Model of Coping with Bereavement: A Decade On.“ (2010); zit in: Müller, H. / Willmann, H. „Trauer: Forschung und Praxis verbinden“ (2016) Verlag V&R, S. 41 ff.

*2) Stroebe, M. / Schut, H. „Culture and grief“ (1998) Bereavement Care, Vol. 17, Nr. 1, S. 7-11

*3) Stroebe, M. / Schut, H. „Family Matters in Bereavement: Toward an Integrative Intra-Interpersonal Coping  Model (2015) Perspectives on Psychological Science, 10 (6), 873-879; zit. in: Rechenberg-Winter, P. „Trauer in Familien – wenn das Leben sich wendet“ (2017) Verlag V&R, S. 38 ff.

*4) Müller, H. / Willmann, H. „Trauer: Forschung und Praxis verbinden“ (2016) Verlag V&R, S. 53

*5) Rechenberg-Winter, P. „Trauer in Familien – wenn das Leben sich wendet“ (2017) Verlag V&R, S. 39